Gedächtnis und kognitive Architektur

Die Systeme, die Lernen ermöglichen und begrenzen

Andrew Ellis

11 März, 2026

Was passiert, wenn wir lernen?

Lernen verändert das Langzeitgedächtnis.

Alles, was ins Langzeitgedächtnis gelangen soll, muss durch das Arbeitsgedächtnis.

Das Arbeitsgedächtnis hat enge Grenzen.

Diese drei Sätze erklären einen grossen Teil dessen, was gute Lehre ausmacht.

Gedächtnis ist nicht ein System

Was wir “Gedächtnis” nennen, ist eine Sammlung verschiedener Systeme mit unterschiedlichen Regeln.

System Kapazität Dauer Funktion
Sensorisch Gross < 1 Sekunde Wahrnehmung puffern
Arbeitsgedächtnis ~4 Elemente 15–30 Sekunden Halten und verarbeiten
Langzeitgedächtnis Praktisch unbegrenzt Dauerhaft Wissen speichern

Das Arbeitsgedächtnis ist der Flaschenhals, durch den alles bewusste Lernen hindurch muss.

Deklaratives Gedächtnis

“Wissen, dass”: bewusst abrufbar, verbalisierbar

Warum erinnern sich Studierende an die lustige Anekdote aus der Vorlesung, aber nicht an den Fachinhalt?

Episodisch: Persönliche Erlebnisse, gebunden an Zeit und Ort

“Die Vorlesung am Dienstag in Raum 204”

Semantisch: Dekontextualisiertes Wissen, Fakten, Konzepte

“Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle”

Prozedurales Gedächtnis

“Wissen, wie”: automatisiert, schwer verbalisierbar

\(2x + 8 = 14\) nach \(x\) auflösen, ohne die Umformungsregeln erklären zu können

Deklarativ vs. Prozedural

Warum können Studierende eine Methode korrekt beschreiben, aber nicht anwenden?

Deklarativ Prozedural
Erwerb Schnell, durch Erklärung Langsam, durch Übung
Transfer Breit (wenn variiert) Anfangs eng

Man kann niemandem eine Fertigkeit erklären, und man kann niemandem konzeptuelles Verständnis antrainieren. Die meisten Hochschulkurse brauchen beides.

Von Episoden zu Wissen

Der Übergang von episodischem zu semantischem Wissen ist ein zentraler Lernprozess:

Anfangs: “Dienstagvorlesung, Raum 204, das Gewicht-Grösse-Beispiel, rotes Streudiagramm”

Später: “Regression passt eine Gerade an Datenpunkte an, minimiert quadrierte Residuen, setzt lineare Beziehung voraus”

Dieser Übergang erfordert mehrfache Begegnungen in verschiedenen Kontexten, variierende Beispiele und aktiven Abruf. Er geschieht nicht automatisch.

Arbeitsgedächtnis: Der Flaschenhals

Das Arbeitsgedächtnis ist der mentale Arbeitsplatz: Informationen halten und gleichzeitig etwas damit tun.

Eigenschaft Details
Kapazität Ca. 4 ± 1 Elemente (Chunks)
Dauer Zerfällt innerhalb von 15–30 Sekunden ohne Auffrischung
Verarbeitung Typischerweise wird nur ein Element aktiv bearbeitet


Zwei wichtige Modelle

Baddeley (2000)

Mehrere Subsysteme:

  • Phonologische Schleife (verbale Info)
  • Visuell-räumlicher Notizblock (visuelle Info)
  • Episodischer Puffer (Integration)
  • Zentrale Exekutive (Steuerung)

Cowan (2010)

Arbeitsgedächtnis = aktivierte Teile des Langzeitgedächtnisses

  • Aufmerksamkeitsfokus: ~4 Elemente
  • Vorwissen verändert die effektive Kapazität

Aktivität: Arbeitsgedächtnis erleben

Wir machen ein kurzes Experiment. Wie viele Striche kannst du dir merken?

Klicke auf die Grafik, um die Auflösung zu sehen.

Wie viel passt ins Arbeitsgedächtnis?

Elementinteraktivität: Das eigentliche Limit

Beide Aufgaben haben fünf Elemente. Welche ist schwerer, und warum?

A) Fünf Fachbegriffe definieren

B) Dieselben fünf Begriffe in einer Argumentation verknüpfen

Das Limit liegt nicht in der Menge der Elemente, sondern in der Interaktion zwischen ihnen. In Aufgabe B müssen alle Elemente gleichzeitig zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Niedrige Elementinteraktivität Hohe Elementinteraktivität
Merkmal Elemente unabhängig lernbar Elemente müssen gleichzeitig verarbeitet werden
Beispiel Anatomische Strukturen benennen Einen Patientenfall differentialdiagnostisch beurteilen

Wenn das Arbeitsgedächtnis so begrenzt ist, was können wir als Lehrende dagegen tun?

Cognitive Load Theory

Die CLT (Sweller 2023) gibt darauf eine konkrete Antwort:

Intrinsische Last Extrinsische Last
Quelle Komplexität des Lernstoffs (Elementinteraktivität) Wie Material präsentiert wird
Steuerbarkeit Begrenzt (z.B. durch Sequenzierung) Durch Design minimierbar
Beispiel Statistische Interaktion verstehen (viele Konzepte gleichzeitig) Formel auf Slide 3, Aufgabe auf Slide 17, Erklärung im Handout

Das Ziel: Extrinsische Last reduzieren, um Kapazität freizusetzen für germane processing: die produktive Verarbeitung, die Schemata aufbaut. Germane processing ist der lernrelevante Anteil der Verarbeitung intrinsischer Komplexität.

Verteilung der kognitiven Belastung

Lernrelevante Verarbeitung (germane processing) ist essentiell für Expertise-Entwicklung. Extrinsische Last sollte minimiert werden, um Raum dafür zu schaffen.

Anstrengend ≠ Komplex

200 Fachbegriffe lernen oder einen Patientenfall analysieren: was ist anstrengender, was ist komplexer?

Nicht jede anstrengende Aufgabe ist komplex (Chen, Paas, und Sweller 2023)

Anstrengend, nicht komplex Komplex
Elementinteraktivität Niedrig Hoch
Was passiert Elemente unabhängig lernbar Elemente interagieren, müssen gleichzeitig verarbeitet werden
Beispiel Fachvokabular, Periodensystem, Quellenformate Argumentation aufbauen, Gleichung lösen, Fall analysieren

Die Konsequenz:

  • Anstrengende Aufgaben brauchen Übung und Wiederholung.
  • Komplexe Aufgaben brauchen Scaffolding und Sequenzierung. Die Strategien zu verwechseln ist ein häufiger Designfehler.

Was wir jetzt wissen

Gedächtnis = verschiedene Systeme mit unterschiedlichen Regeln

Arbeitsgedächtnis = der Flaschenhals (~4 Elemente, 15–30 Sek.)

Elementinteraktivität = das eigentliche Limit

CLT = extrinsische Last minimieren, um Raum für germane processing zu schaffen

Aktivität: Vertrautheit ≠ Verständnis

Schätze: Wie gut hast du CLT verstanden? (1–5)

Öffne die Kursseite → Tab “Aktivitäten” → Vertrautheit ≠ Verständnis

Als nächstes: Wie entsteht Expertise?

Bibliographie

Baddeley, A. 2000. „The Episodic Buffer: A New Component of Working Memory?“ Trends in Cognitive Sciences 4 (11): 417–23. https://doi.org/10.1016/s1364-6613(00)01538-2.
Chen, Ouhao, Fred Paas, und John Sweller. 2023. „A Cognitive Load Theory Approach to Defining and Measuring Task Complexity Through Element Interactivity. Educational Psychology Review 35 (2): 63. https://doi.org/10.1007/s10648-023-09782-w.
Cowan, Nelson. 2010. „The Magical Mystery Four: How Is Working Memory Capacity Limited, and Why?“ Current Directions in Psychological Science 19 (1): 51–57. https://doi.org/10.1177/0963721409359277.
Sweller, John. 2023. „The Development of Cognitive Load Theory: Replication Crises and Incorporation of Other Theories Can Lead to Theory Expansion. Educational Psychology Review 35 (4): 95. https://doi.org/10.1007/s10648-023-09817-2.