KI & Lernen

Wann KI das Lernen unterstützt, und wann sie es verhindert

Andrew Ellis

11 März, 2026

KI steigert Leistung

KI verbessert die Leistung bei kognitiven Aufgaben

  • Berater:innen mit GPT-4: 40% bessere Ergebnisse bei komplexen Aufgaben
  • Wissenschaftler:innen: mehr und bessere Forschungsideen mit KI-Unterstützung
  • Software-Entwickler:innen: schnellere Aufgabenerledigung

Aber steigert KI auch das Lernen?

Aus Teil 1: Leistung ≠ Lernen. Wer mit Hilfe korrekte Ergebnisse produziert, hat nicht zwingend etwas gelernt.

KI steigert die Leistung während der Aufgabe. Aber baut sie auch Schemata auf?

Dasselbe Werkzeug, das die Leistung steigert, kann das Lernen verhindern.

Wie genau kann ein Werkzeug Leistung steigern und Lernen verhindern?

Dafür brauchen wir ein Konzept aus der Kognitionsforschung: Cognitive Offloading

Was ist Cognitive Offloading?

Cognitive Offloading = die Nutzung externer Hilfsmittel, um die kognitive Last zu reduzieren (Risko und Gilbert 2016).


Aktive Verarbeitung

Überlegt euch kurz drei Beispiele, wie ihr im Alltag Denkarbeit an die Umgebung auslagert.

Cognitive Offloading: Beispiele

Beispiel Was wird ausgelagert? Wohin?
Einkaufszettel schreiben Gedächtnisabruf Papier/Smartphone
Kalender nutzen Prospektives Gedächtnis (Absichten) Externes Erinnerungssystem
Taschenrechner verwenden Arithmetische Verarbeitung Gerät
Kopf neigen bei gedrehtem Text Mentale Rotation Körperbewegung
Mit dem Finger zeigen Positionsgedächtnis Zeigegeste
Beim Erklären gestikulieren Gedankenstrukturierung Handbewegungen
Gegenstand vor die Tür legen Erinnerung an eine Absicht Physische Umgebung
Scrabble-Steine herumschieben Wortgenerierung Physische Anordnung

Offloading ist grundsätzlich adaptiv: Es befreit Arbeitsgedächtniskapazität für höherwertige Verarbeitung.

Aber Offloading hat einen Preis

Was wir auslagern, verarbeiten wir nicht mehr selbst.

Befund Was passiert
GPS und räumliches Gedächtnis Regelmässige GPS-Nutzung reduziert die Fähigkeit, eigene kognitive Karten zu bilden (Dahmani und Bohbot 2020)
Kamera und Objektgedächtnis Wer ein Objekt fotografiert statt es zu betrachten, erinnert sich schlechter daran, selbst ohne Zugang zum Foto (Henkel 2014)
Google und Faktenwissen Wenn wir wissen, dass Information digital verfügbar ist, speichern wir den Zugangspfad statt den Inhalt (Sparrow, Liu, und Wegner 2011)
KI und kognitive Fähigkeiten Dauerhafte KI-Nutzung führt zu Fähigkeitsatrophie (Cui u. a. 2024)

Eine metakognitive Falle

  1. Vorher: Wir unterschätzen unsere eigene Leistungsfähigkeit und lagern aus, obwohl wir es nicht bräuchten (Risko und Gilbert 2016).
  2. Nachher: Wir überschätzen unser Wissen, weil die Grenze zwischen “Ich weiss es” und “Ich kann es nachschlagen” verschwimmt (Fisher, Goddu, und Keil 2015; Risko und Gilbert 2016).

Dasselbe Tool, zwei Wirkungen

Aufgabe: Studierende schreiben eine Fallanalyse

Offloading

KI fasst die Quellen zusammen, Studierende analysieren und argumentieren selbst

Denkarbeit wird entlastet, aber nicht ersetzt

Abrufen, Verknüpfen, Überwachen: aktiv

Outsourcing

KI schreibt die Fallanalyse, Studierende überarbeiten Formulierungen

Denkarbeit wird delegiert

Abrufen, Verknüpfen, Überwachen: übersprungen

Das Tool ist dasselbe. Der Unterschied liegt im Aufgabendesign: Welche kognitiven Operationen bleiben bei den Lernenden?

Offloading oder Outsourcing? Es kommt drauf an.

Beispiel: Taschenrechner für eine Rechenaufgabe

Lernziel: Textaufgabe lösen Lernziel: Kopfrechnen üben
Kann noch nicht rechnen Outsourcing: Rechnen wird übersprungen, bevor es gelernt wurde Outsourcing: Genau die Operation, die geübt werden soll, wird delegiert
Kann bereits rechnen Offloading: Routine delegieren, Fokus auf Problemstruktur Outsourcing: Auch wer rechnen kann, verliert die Fertigkeit ohne Übung

Zwei Fragen entscheiden: Was kann die Person schon? und Was soll sie lernen?

Die entscheidende Frage

Was genau wird ausgelagert?

Extrinsische Last auslagern

Formatierung, Quellenformate, Zugang zu Information

Befreit Kapazität für die eigentliche Denkarbeit

Intrinsische Verarbeitung auslagern

Argumentieren, Verknüpfen, Bewerten, Überwachen

Je höher die Komplexität der Aufgabe, desto mehr intrinsische Verarbeitung steht auf dem Spiel

Nicht wie viel KI, sondern was die KI übernimmt, bestimmt die Wirkung auf das Lernen.

Aktivität: Offloading oder Outsourcing?

Zu zweit: Nennt je ein Beispiel aus eurem Unterricht, wo Offloading dem Lernen hilft, und eines, wo es schadet. Warum?

Ein gängiges Argument: Studierende müssen lernen, KI-Output kritisch zu prüfen.

Aber können sie das?

Machen wir den Test.

Finde die Fehler

Die folgenden Aussagen stammen aus verschiedenen BFH-Fachbereichen. Welche sind korrekt, welche falsch?

Gesundheit: “Bei der Triagierung in der Notaufnahme wird der Manchester Triage Score verwendet, der Patienten in fünf Dringlichkeitsstufen einteilt. Die höchste Stufe (rot) bedeutet, dass der Patient innerhalb von 30 Minuten behandelt werden muss.”

Soziale Arbeit: “Das Empowerment-Konzept in der Sozialen Arbeit zielt darauf ab, die Handlungsfähigkeit von Klienten zu stärken, indem professionelle Fachkräfte Entscheidungen für sie treffen, bis sie selbst dazu in der Lage sind.”

Wirtschaft: “Der Net Present Value (NPV) einer Investition wird berechnet, indem die zukünftigen Cashflows mit dem risikofreien Zinssatz diskontiert werden. Ein positiver NPV bedeutet, dass die Investition rentabel ist.”

Technik: “In der objektorientierten Programmierung beschreibt Polymorphismus die Fähigkeit eines Objekts, mehrere Interfaces gleichzeitig zu implementieren, wobei die Methodenauflösung immer zur Compile-Zeit erfolgt.”

Die Fehler

Gesundheit: Rot = sofortige Behandlung (0 Min), nicht 30 Min.

Soziale Arbeit: Empowerment = Selbstbestimmung fördern, nicht Entscheidungen für Klienten treffen. Der beschriebene Ansatz ist das Gegenteil von Empowerment.

Wirtschaft: NPV diskontiert mit dem gewichteten Kapitalkostensatz (WACC), nicht dem risikofreien Zinssatz.

Technik: Polymorphismus löst Methoden zur Laufzeit auf (dynamisches Binding), nicht zur Compile-Zeit.

Du hast die Fehler in deinem Fach wahrscheinlich sofort erkannt, in den anderen nicht. Genau so geht es deinen Studierenden: Ohne Schemata klingt alles plausibel.

Das Evaluationsparadox

Um einen KI-Output zu prüfen, muss man wissen, wie die richtige Antwort ungefähr aussehen sollte.

Genau dieses Wissen fehlt Anfänger:innen.

Expert:innen Anfänger:innen
Vorwissen Haben Erwartungen, wie die Antwort aussehen sollte Keine Erwartungen vorhanden
KI-Fehler Fällt auf, weil er den eigenen Erwartungen widerspricht Klingt plausibel, weil alles neu ist
“Kritisch prüfen” Funktioniert Funktioniert nicht

Kompetente Nutzung setzt Kompetenz voraus

Wer das Fach versteht, kann KI als Verstärker nutzen. Wer es nicht versteht, merkt nicht einmal, dass etwas falsch ist. Das trifft Studierende mit schwachem Vorwissen überproportional (Cui u. a. 2024).

Lernen ≠ Leisten

Studierende können mit KI korrekte Ergebnisse produzieren (leisten), ohne etwas gelernt zu haben (Bjork 1994).

Die Folge: Schein-Kompetenz. Texte, die fachlich korrekt aussehen, aber ohne eigene kognitive Arbeit entstanden sind.

Das Kernproblem ist nicht Plagiat

Das Kernproblem ist, dass Studierende kompetent aussehen können, ohne kompetent zu sein. Die Lücke wird erst sichtbar, wenn die KI nicht mehr verfügbar ist.

Je besser die KI, desto mehr Wissen braucht man

Eine schlechte KI macht grobe Fehler. Die fallen auf.

Eine gute KI macht subtile Fehler. Die klingen richtig.

Um den Unterschied zu erkennen, muss man wissen, wie die richtige Antwort ungefähr aussieht. Je weniger offensichtlich die Fehler, desto mehr Fachwissen braucht man, um sie zu finden.

Das Argument “KI wird immer besser, also braucht man weniger Wissen” ist genau falsch herum. Bessere KI erfordert mehr Expertise, nicht weniger.

Wie gestalten wir Aufgaben, die das Lernen schützen?

5 Leitfragen für die Aufgabenanalyse

Ein Analyseraster, das hilft, die kognitive Arbeit in Aufgaben zu identifizieren und zu schützen.

Die 4 kognitiven Operationen

Das Analyseraster für Leitfrage 2

Operation Was Studierende tun Wozu es dient
Abrufen Wissen aus dem Gedächtnis aktivieren Festigt Schemata (Retrieval Practice)
Generieren Eigenen Versuch produzieren Baut neue Verbindungen auf (Generation Effect)
Verknüpfen Vergleichen, einordnen, integrieren Erweitert und vernetzt Schemata
Überwachen Eigene Arbeit prüfen, Fehler erkennen Stärkt metakognitive Kontrolle

Diese Operationen sind das Lernen. Was davon wegfällt, fehlt im Kopf der Studierenden.

3 Diagnose-Fragen

Hat das Denken bei den Studierenden stattgefunden?

Zeitpunkt Frage an Studierende Was sie zeigt
Vorher “Was hast du versucht, bevor du KI gefragt hast?” Gab es einen eigenen Versuch?
Während “Wo hat dich die KI überrascht, und warum?” War das interne Modell aktiv?
Nachher “Was machst du nächstes Mal anders, ohne KI?” Hat sich das Verständnis aktualisiert?

Die Schlüsselfrage ist “Während”: Wer outsourct, hat keine spezifischen Erwartungen, die überrascht werden konnten. Wer das Denken selbst geleistet hat, kann konkrete Überraschungsmomente benennen.

Nächster Schritt

Jetzt arbeiten wir gemeinsam ein Beispiel durch. Dabei lernst du die 5 Leitfragen kennen, indem du sie in Aktion siehst.

Danach liest du die vollständige Beschreibung der Leitfragen im Selbststudium.

Bibliographie

Bjork, Robert A. 1994. „Memory and Metamemory Considerations in the Training of Human Beings“. In Metacognition: Knowing about Knowing, 185–205. Cambridge, MA, US: The MIT Press. https://doi.org/10.7551/mitpress/4561.001.0001.
Cui, Zheyuan (Kevin), Mert Demirer, Sonia Jaffe, Leon Musolff, Sida Peng, und Tobias Salz. 2024. „The Effects of Generative AI on High Skilled Work: Evidence from Three Field Experiments with Software Developers. SSRN Scholarly Paper. Rochester, NY. 3. September 2024. https://doi.org/10.2139/ssrn.4945566.
Dahmani, Louisa, und Véronique D. Bohbot. 2020. „Habitual Use of GPS Negatively Impacts Spatial Memory During Self-Guided Navigation“. Scientific Reports 10 (1): 6310. https://doi.org/10.1038/s41598-020-62877-0.
Dell’Acqua, Fabrizio, Edward McFowland, Ethan R. Mollick, Hila Lifshitz-Assaf, Katherine Kellogg, Saran Rajendran, Lisa Krayer, François Candelon, und Karim R. Lakhani. 2023. „Navigating the Jagged Technological Frontier: Field Experimental Evidence of the Effects of AI on Knowledge Worker Productivity and Quality. SSRN Electronic Journal. https://doi.org/10.2139/ssrn.4573321.
Fisher, Matthew, Mariel K. Goddu, und Frank C. Keil. 2015. „Searching for Explanations: How the Internet Inflates Estimates of Internal Knowledge“. Journal of Experimental Psychology: General 144 (3): 674–87. https://doi.org/10.1037/xge0000070.
Henkel, Linda A. 2014. „Point-and-Shoot Memories: The Influence of Taking Photos on Memory for a Museum Tour. Psychological Science 25 (2): 396–402. https://doi.org/10.1177/0956797613504438.
Risko, Evan F., und Sam J. Gilbert. 2016. „Cognitive Offloading. Trends in Cognitive Sciences 20 (9): 676–88. https://doi.org/10.1016/j.tics.2016.07.002.
Sparrow, Betsy, Jenny Liu, und Daniel M. Wegner. 2011. „Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips“. Science (New York, N.Y.) 333 (6043): 776–78. https://doi.org/10.1126/science.1207745.
Toner-Rodgers, Aidan. 2025. „Artificial Intelligence, Scientific Discovery, and Product Innovation. 20. Mai 2025. https://doi.org/10.48550/arXiv.2412.17866.