Prinzipien guter Lehre

Evidenzbasierte Strategien für das Instruktionsdesign

Andrew Ellis

11 März, 2026

Gedächtnis-Aktivierung nach der Mittagspause (1/2)

Schreibe drei zentrale Konzepte vom Vormittag auf, ohne nachzuschauen.

Gedächtnis-Aktivierung nach der Mittagspause (2/2)

Vergleiche mit deinem Nachbarn. Wo gibt es Überschneidungen, wo Lücken?

Ihr habt gerade Retrieval Practice angewendet. Heute Nachmittag schauen wir uns an, wie solche Prinzipien ins Instruktionsdesign einfliessen.

CLT-basiertes Instruktionsdesign

Worked Example Effect

Anfänger lernen mehr aus durchgearbeiteten Beispielen als aus eigenständigem Problemlösen (Sweller 1988).

Warum?

  • Problemlösen bei Anfängern = ineffiziente Suchprozesse (Means-Ends Analysis)
  • Hohe extrinsische Last, wenig Kapazität für Schemabildung
  • Worked Examples zeigen Lösungswege direkt und entlasten das Arbeitsgedächtnis

Fading: Der Übergang

Phase Format
Anfang Vollständig durchgearbeitetes Beispiel
Mitte Lückenhafte Beispiele (Completion Problems)
Ende Eigenständiges Problemlösen

Expertise Reversal Effect: Fading passt die Unterstützung an den wachsenden Wissensstand an.

Split-Attention Effect

Wenn Lernende Text und Diagramm getrennt verarbeiten müssen, entsteht unnötige kognitive Last (Tarmizi und Sweller 1988).

Faustregel: Wenn Lernende ihre Augen bewegen müssen, um zusammengehörende Informationen zu verbinden, ist das Design suboptimal.

Modalitätseffekt

Zwei Kanäle arbeiten parallel:

auditiv + visuell


+ > +

Redundanzeffekt

Folientext + Vorlesen = doppelte Verarbeitung

Entweder Text auf der Folie oder gesprochene Erklärung

Aktivität: Instruktionsdesign analysieren

Identifiziere in deinem eigenen Lehrmaterial ein Beispiel für Split-Attention oder Redundanz.

Was könntest du konkret ändern?

Diese Aktivität machen wir im Anschluss an die Präsentation (10 Min, Partnerarbeit).

Evidenzbasierte Lernstrategien

Retrieval Practice (Testing Effect)

Abrufen ist nicht nur Prüfung, sondern der zentrale Lernmechanismus (Roediger und Butler 2011).

Befund Was es bedeutet
Abruf > Wiederholung Abrufpraxis verbessert Behalten stärker als erneutes Studieren
Transferfördernd Abruf aus dem Gedächtnis fördert flexibles Anwenden

Vergessen ist normal

Spacing und Interleaving

Die Vergessenskurve zeigt das Problem. Spacing und Interleaving sind die Antwort.

Spacing (Verteiltes Lernen)

Übung über die Zeit verteilen statt bündeln

  • Vergessen + Wiederabruf = stärkere Konsolidierung
  • Optimal: Intervall so lang, dass der Abruf Anstrengung erfordert, aber noch gelingt

Gegen die Intuition: fühlt sich schlechter an, ist aber besser.

Interleaving (Vermischtes Üben)

Aufgabentypen durchmischen statt blockweise üben

  • Trainiert Diskriminierung: “Welche Strategie passt hier?”
  • Fördert Transfer zwischen Konzepten
  • Aufgabenwechsel erzwingt aktive Strategiewahl

Studierende bevorzugen Blocking, obwohl Interleaving effektiver ist.

Spacing und Interleaving fühlen sich ineffizienter an. Studierende bevorzugen die weniger effektive Strategie (geblockt, konzentriert). Das ist eine metakognitive Falle.

Elaboration und Generation

Elaborative Interrogation

Warum macht das Sinn?”

  • Erzwingt Verknüpfung mit Vorwissen
  • Tiefere Verarbeitung als passives Lesen
  • Besonders wirksam, wenn Lernende bereits Grundwissen haben

Generation Effect

Selbst produzieren vor dem Erhalten der Information

  • Antwort generieren, bevor man die Lösung sieht
  • Auch falsche Versuche verbessern das spätere Lernen
  • Der Versuch aktiviert relevante Schemata

Scaffolding und Fading

Scaffolding: Temporäre Unterstützung

Scaffolding = strukturierte Hilfestellungen, die das Arbeitsgedächtnis entlasten, ohne die kognitive Arbeit zu übernehmen.

Arten von Scaffolding

  • Prozesshinweise: “Was für ein Aufgabentyp ist das?”
  • Teilschritte: Komplexe Aufgabe in Teilaufgaben zerlegen
  • Vorlagen: Struktur vorgeben, Inhalt selbst erarbeiten
  • Worked Examples: Lösungswege demonstrieren

Wann Scaffolding nötig ist

  • Hohe Elementinteraktivität
  • Niedriges Vorwissen
  • Neue Aufgabentypen

Wann Scaffolding schadet

  • Wenn es die kognitive Arbeit ersetzt statt unterstützt

Fading: Unterstützung zurücknehmen

Scaffolding ist nur dann effektiv, wenn es graduell abgebaut wird.

Phase Unterstützung Lernprozess
Anfang Hoch (Worked Examples, Prozesshinweise) Schemata aufbauen
Mitte Mittel (Completion Problems, Hinweise auf Nachfrage) Schemata verfeinern
Ende Niedrig (eigenständige Aufgaben) Schemata anwenden

Die Brücke zu KI

KI kann scaffolden, aber sie kann auch die Arbeit übernehmen. Der Unterschied zwischen Scaffolding und Outsourcing ist: Bleibt die kognitive Arbeit bei den Studierenden? Darüber sprechen wir im nächsten Block.

Was wir jetzt wissen

CLT-Effekte: Worked Examples, Split-Attention, Redundanz, Modalität

Lernstrategien: Retrieval Practice, Spacing, Interleaving, Elaboration, Generation

Scaffolding: Temporäre Unterstützung mit geplantem Fading

Jetzt: Was passiert, wenn KI ins Spiel kommt?

Bibliographie

Roediger, Henry L., und Andrew C. Butler. 2011. „The Critical Role of Retrieval Practice in Long-Term Retention“. Trends in Cognitive Sciences 15 (1): 20–27. https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.09.003.
Sweller, John. 1988. „Cognitive Load during Problem Solving: Effects on Learning“. Cognitive Science 12 (2): 257–85. https://doi.org/10.1016/0364-0213(88)90023-7.
Tarmizi, Rohani A., und John Sweller. 1988. „Guidance during Mathematical Problem Solving“. Journal of Educational Psychology 80 (4): 424–36. https://doi.org/10.1037/0022-0663.80.4.424.