KI & Lernen
Was bedeuten die Erkenntnisse aus der Lernforschung für den Einsatz von KI in der Lehre? In diesem Teil wenden wir die kognitive Architektur auf die zentrale Frage an: Wann unterstützt KI das Lernen, und wann verhindert sie es?
Was bedeutet das für KI?
Wie erkennt man, wo auf dem Spektrum man steht?
Das 5-Fragen-Framework (→ Teil 3) hilft beim Gestalten von Aufgaben. Aber wie prüft man im Lehralltag, ob das Denken tatsächlich bei den Studierenden geblieben ist? Drei Diagnose-Fragen, die den Versuch-dann-Prüfe-Bogen abbilden:
| Zeitpunkt | Frage an Studierende | Was sie zeigt |
|---|---|---|
| Vorher | “Was hast du versucht, bevor du KI gefragt hast?” | Gab es einen eigenen Versuch? |
| Während | “Wo hat dich die KI überrascht, und warum?” | War das interne Modell aktiv? |
| Nachher | “Was machst du nächstes Mal anders, ohne KI?” | Hat sich das Verständnis aktualisiert? |
Wer outsourct, hat auf Frage 2 keine Antwort: Es gab keine spezifischen Erwartungen, die überrascht werden konnten. Wer das Denken selbst geleistet hat, kann konkrete Überraschungsmomente benennen. → Ausführliche Anleitung mit Beispielen
Worked Example: Das Framework in Aktion
Bevor ihr das Framework auf eure eigenen Aufgaben anwendet, schauen wir uns gemeinsam an, wie eine Analyse Schritt für Schritt aussieht.
Die Aufgabe: “Annotierte Bibliografie”
Studierende suchen 5 relevante Quellen zu einem vorgegebenen Thema, fassen jede in 150 Wörtern zusammen und verfassen eine einseitige Synthese zum aktuellen Forschungsstand.
Eine Aufgabe, die in vielen Disziplinen vorkommt, von Sozialarbeit über Wirtschaft bis Informatik. Analysieren wir sie mit dem 5-Fragen-Framework.
Schritt-für-Schritt-Analyse
Frage 1: Geht es primär ums Lernen?
Ja, es ist eine Kursaufgabe, kein professionelles Produkt. Die Studierenden sollen lernen, Literatur zu finden, zu bewerten und zu synthetisieren.
Outsourcing muss verhindert werden.
Frage 2: Werden noch Grundlagen aufgebaut?
Ja. Studierende lernen erst, wie man Quellen bewertet. Sie haben noch keine Schemata für: “Ist diese Quelle relevant? Methodisch solide? Aktuell genug?”
Die interne Verarbeitung, also das eigene Urteil, ist der Lerninhalt.
Frage 3: Muss internes Wissen nachgewiesen werden?
Eigentlich ja, aber das aktuelle Design erzwingt es nicht. Die Zusammenfassungen und die Synthese könnten vollständig von KI stammen. Es gibt keinen Moment, in dem die Studierenden zeigen müssen, dass sie die Quellen gelesen und bewertet haben.
Hier liegt die kritische Lücke.
Frage 4: Kann KI die Aufgabe ohne Denkarbeit erledigen?
Ja. “Finde 5 Quellen zu X und fasse sie zusammen” ist ein einfacher Prompt. KI liefert sogar plausible Synthesen mit korrekten Zitationsformaten.
Die Aufgabe testet ein Produkt, das KI mühelos produzieren kann.
Frage 5: Gibt es eine Versuch-dann-Prüfe-Struktur?
Nein. Es gibt keine eingebaute Phase, in der Studierende zuerst selbst suchen, bewerten und synthetisieren, bevor sie KI konsultieren.
Hier liegt die Redesign-Möglichkeit.
Die Diagnose
Das Framework zeigt: Die kognitive Arbeit steckt nicht im Produkt (Zusammenfassungen + Synthese), sondern im Prozess (Suchen, Bewerten, Entscheiden). Die aktuelle Aufgabe prüft das Produkt, und genau das kann KI liefern. Das Lernen wird umgangen, nicht unterstützt.
Ein mögliches Redesign
| Phase | Was Studierende tun | Rolle der KI |
|---|---|---|
| 1. Suchprotokoll | Dokumentieren ihre Suchstrategie: Welche Datenbanken? Welche Begriffe? Warum diese Eingrenzung? | Keine |
| 2. Bewertungsnotizen | Für jede Quelle: Warum aufgenommen oder verworfen? Was ist die zentrale Argumentation? | Keine |
| 3. Synthese in der Lehrveranstaltung | Einseitige Synthese vor Ort, nur mit eigenen Notizen, ohne KI und ohne Internet | Keine |
| 4. Qualitätsprüfung | KI prüft Zitationsformat und sprachliche Korrektheit | Offloading (extrinsische Last) |
Was sich ändert: Die Studierenden müssen den Prozess durchlaufen. Das Produkt allein reicht nicht mehr, denn die Denkarbeit wird sichtbar und geschützt.
Was zeigt dieses Beispiel?
Drei Erkenntnisse für die eigene Praxis:
- Produkt ≠ Prozess: Wenn KI das Produkt erzeugen kann, muss die Aufgabe den Prozess prüfen
- Offloading am richtigen Punkt: KI für Zitationsformat (extrinsische Last) ist sinnvoll. KI für die Synthese (lernrelevante Verarbeitung) eliminiert das Lernen. Warum gerade die Synthese? Weil sie hohe Elementinteraktivität hat: Studierende müssen gleichzeitig mehrere Quellen, deren Argumente und die Beziehungen zwischen ihnen verarbeiten. Ohne die Schemas, die diese Komplexität organisieren, ist die intrinsische Last hoch. Genau deshalb ist KI-Outsourcing hier so schädlich: Es verhindert den Aufbau der Schemas, die später die Last reduzieren würden
- Versuch-dann-Prüfe als Designprinzip: Die Reihenfolge entscheidet: zuerst selbst denken, dann KI konsultieren. Dieses Prinzip ist theoretisch gut fundiert durch die Forschung zu Abrufeffekten und Vorhersagefehlern, aber die empirische Forschung zur spezifischen Anwendung mit KI-Tools ist noch in einem frühen Stadium
Zum Nachlesen
Die folgenden Abschnitte vertiefen die Konzepte aus den Slides. Sie sind als Nachlese-Material für das Selbststudium gedacht.
Vertiefende Ressourcen
Für das Selbststudium
- Arbeitsgedächtnis und Instruktion. Die vier Modelle des Arbeitsgedächtnisses und was sie für Lehrdesign bedeuten
- Gedächtnis und Lernen. Rekonstruktives Gedächtnis, Schemas, und warum Abruf Lernen erzeugt
- Wie man Kompetenzen erwirbt. Wissenschaftliche Grundlagen der Expertise-Entwicklung
- Produktive Anstrengung durch Design. Lernumgebungen gestalten, die Anstrengung zum natürlichen Weg machen
- The Curious Case of Transfer of Learning. Warum tiefes Wissen die Voraussetzung für Wissenstransfer ist (Shrestha, nach Haskell)