Wie Menschen lernen

Warum sich effektives Lernen oft anstrengend anfühlt

Andrew Ellis

20 Februar, 2026

KI steigert Produktivität

KI verbessert Leistung bei kognitiven Aufgaben

  • Routineaufgaben werden schneller erledigt
  • Kreative Arbeit wird unterstützt
  • Qualität steigt (bei Expert:innen)

Aber es gibt Nebenwirkungen

Fähigkeitsatrophie: Eigene Fähigkeiten verkümmern bei dauerhafter KI-Nutzung

Ohne Training setzen Menschen KI für ungeeignete Aufgaben ein

Sollten Lernende überhaupt produktiver sein?

Was ist, wenn der kognitive Prozess beim Lernen wichtiger ist als das Ergebnis?

Warum existieren Schulen?

Wir unterscheiden zwischen (Geary 2008; Sweller 2023):

Biologisch primär

  • Entwickelt sich natürlich
  • Keine formale Instruktion nötig

Beispiele: Sprechen, Gesichtserkennung, soziale Interaktion

Biologisch sekundär

  • Kulturelle Errungenschaften
  • Erfordert bewusste Anstrengung

Beispiele: Lesen, Schreiben, Mathematik, Programmieren

Akademische Fähigkeiten profitieren typischerweise stark von expliziter Anleitung und strukturiertem Üben (Kirschner, und and Clark 2006). Wie viel Anleitung optimal ist, hängt vom Expertise-Niveau ab (→ Expertise Reversal Effect).

Experten vs. Anfänger

Experten haben besser organisierte Wissensstrukturen (Schemata), die Anfänger erst aufbauen müssen. Die kognitive Architektur (Arbeitsgedächtnis, Langzeitgedächtnis) ist bei allen Menschen gleich (Sweller 2023).

Gleiche Hardware, unterschiedliche Software

Dimension Anfänger Experten
Sehen Einzelne Teile Bedeutungsvolle Muster
Verarbeiten Schritt-für-Schritt Automatische Prozeduren
Wissen Isolierte Fakten Vernetzte Schemata

Gleiche Hardware, unterschiedliche Software

Was organisierte Schemata ermöglichen

Gut vernetzte Schemata ermöglichen Transfer: Wissen auf neue, unbekannte Situationen anwenden.

Anfänger sehen Oberflächenmerkmale. Experten erkennen die Tiefenstruktur und können Wissen auf neue Probleme übertragen.

Transfer ist das eigentliche Ziel von Hochschulbildung. Wir unterrichten nicht, damit Studierende bekannte Aufgaben lösen. Wir unterrichten, damit sie mit unbekannten Situationen umgehen können.

Das Nadelöhr des Lernens

Cognitive Load Theory (Sweller 2023)

Kernprinzip: Lernen erfordert Transfer vom Arbeits- ins Langzeitgedächtnis durch Schemabildung.

Zwei Quellen kognitiver Belastung

Intrinsisch

Komplexität des Lernstoffs selbst (Elementinteraktivität) Begrenzt steuerbar (z.B. durch Sequenzierung)

Extrinsisch Wie Material präsentiert wird

Durch Design minimierbar

Das Ziel: Raum schaffen für germane processing, die lernrelevante Verarbeitung, die Schemata aufbaut.

Verteilung der kognitiven Belastung

Abbildung 1: Schematische Darstellung: Die Gesamthöhe repräsentiert die fixe Arbeitsgedächtniskapazität. Die Prozentwerte sind illustrativ, nicht empirisch gemessen. Entscheidend ist, wie viel Raum für lernrelevante Verarbeitung bleibt.

Das Lerndilemma

Die Gesamtlast darf das Arbeitsgedächtnis nicht überfordern.

Aber: Lernrelevante Verarbeitung (germane processing) ist essentiell für Expertise-Entwicklung.

Lösung: Extrinsische Last minimieren, um Raum für lernrelevante Verarbeitung zu schaffen.

Schwierig ≠ Komplex

Nicht jede schwierige Aufgabe ist komplex (Chen, Paas, und Sweller 2023)

Schwierig, nicht komplex Komplex
Elementinteraktivität Niedrig Hoch
Was passiert Viele Elemente, die unabhängig gelernt werden Wenige Elemente, die alle gleichzeitig verarbeitet werden müssen
Beispiel Fachvokabular, Periodensystem, Quellenformate Argumentation aufbauen, Gleichung lösen, Fall analysieren
KI-Empfehlung Offloading möglich Outsourcing verhindern

Die Konsequenz: Schütze die komplexen Aufgabenanteile (hohe Elementinteraktivität) vor KI-Outsourcing. Die schwierigen Routineanteile (niedrige Elementinteraktivität) können delegiert werden.

Der Expertise Reversal Effect

Was Anfängern hilft, schadet Experten, und umgekehrt (Kalyuga 2009)

Prinzip Für Anfänger Für Fortgeschrittene
Worked Examples Reduziert kognitive Last Redundante Information erzeugt extrinsische Last
Problem Solving Überfordert Arbeitsgedächtnis Verfeinert und vernetzt bestehende Schemata

Praktische Regel: Beginne mit hoher Unterstützung und reduziere sie graduell mit wachsender Expertise (Fading).

Wie Expertise entwickelt wird

Von Fakten zu automatisierten Prozeduren (Anderson 1982)

Gedächtnissystem Beschreibung Beispiel
Deklarativ (“Wissen dass”) Fakten, Regeln; bewusster Abruf \(x + 5 = 12\) → Regel abrufen: “5 von beiden Seiten subtrahieren” → \(x = 7\)
Prozedural (“Wissen wie”) Automatisiert; schnelle Ausführung \(x + 5 = 12\) → sofort sehen: \(x = 7\)

Der Weg zur Expertise

Deklarativ → Übungszyklen mit Feedback → Prozedural

Warum Abrufpraxis funktioniert

Abruf (Retrieval) ist eine der wirksamsten Formen dieser Übungszyklen, denn Abruf misst nicht nur Lernen, er erzeugt Lernen (Roediger und Butler 2011)


Mechanismus Wirkung
Stärkt Abrufrouten Jeder erfolgreiche Abruf macht die Erinnerung zugänglicher
Identifiziert Lücken Scheitern beim Abruf zeigt, was man nicht weiss
Fördert Elaboration Rekonstruktion aktiviert verwandtes Wissen
Aktualisiert Kontext Neue Abrufkontexte machen Wissen transferierbarer

Deshalb funktionieren die Gedächtnis-Aktivierungen im Workshop: Nicht die Anstrengung selbst, sondern die durch den Abruf ausgelösten Prozesse festigen das Gelernte.

Drei verbreitete Missverständnisse

“Wenn es schwer ist, lerne ich nicht.”

“Wenn ich etwas produziere, lerne ich.”

“KI macht mich produktiver, also lerne ich mehr.”

Das Lernparadox (1/2)

Beim Kämpfen mit einem Problem

Wie es sich anfühlt:

  • Frustration
  • “Ich kann das nicht”
  • Langsamer Fortschritt
  • Unsicherheit

Was tatsächlich passiert (bei angemessener Herausforderung):

  • Tiefes Verständnis bildet sich
  • Schemata werden aufgebaut
  • Langzeitgedächtnis wird aktiviert
  • Echtes Lernen

Der Trugschluss: “Wenn es schwer ist, lerne ich nicht”

Das Lernparadox (2/2)

Beim Produzieren mit KI-Hilfe

Wie es sich anfühlt:

  • Erfolgsgefühl
  • “Ich bin produktiv”
  • Schnelle Ergebnisse
  • Selbstvertrauen

Was tatsächlich passiert:

  • Oberflächliche Verarbeitung
  • Keine Schemabildung
  • Arbeitsgedächtnis kaum aktiv
  • Illusion des Lernens

Der Trugschluss: “Wenn ich etwas produziere, lerne ich”

Das Lernparadox: Die Übersicht

Wir verwechseln Verarbeitungsflüssigkeit (wie leicht sich etwas anfühlt) mit Lernerfolg (Bjork 1994).

Produktive Anstrengung fühlt sich schwierig an, signalisiert aber, dass lernrelevante Prozesse aktiv sind.

Wenn es sich anstrengend anfühlt, ist das meistens ein gutes Zeichen.

Was wir jetzt wissen

Lernen = Schemabildung im Langzeitgedächtnis

Erfordert aktive kognitive Verarbeitung

Fühlt sich anstrengend an (metakognitive Falle)

Ziel: Transfer, also Wissen auf neue Situationen anwenden können

Jetzt die Frage: Was macht KI mit diesen Prozessen?

Bibliographie

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