Einstieg: Was du nicht siehst (10 min)

Auf einen Blick

  • Zeit: 10 Minuten in vier Schritten
  • Ergebnis: Eine markierte Liste von Voraussetzungen, die du in deinem Absatz nicht expliziert hast
  • Format: Paar (cross-discipline)
  • Leitfrage: Was setzt du voraus, was du beim Schreiben nicht für nötig hieltst zu erwähnen?

Schritt 1: Cross-discipline-Paar bilden (1 min)

Aufgabe: Such dir eine Partnerin aus einer Disziplin, die möglichst weit von deiner eigenen entfernt ist.

Schritt 2: Beschreibt euch eine Teilaufgabe (4 min)

Aufgabe (2 min, dann tauschen): Wähle eine Teilaufgabe aus deiner eigenen Lehre, bei der Lernende regelmässig scheitern oder oberflächlich vorbeischauen. Schreibe einen kurzen Absatz über deine eigene Aufgabe: Was machen deine Lernenden in dieser Aufgabe? Stil: wie wenn du sie einer Kollegin in der Kaffeepause schildern würdest. Nach 2 Minuten tauschst du den Absatz mit deiner Partnerin.

Schritt 3: Folge dem Absatz als Aussenstehende (4 min)

Aufgabe: Lies den Absatz deiner Partnerin als Person, die das Fach noch nie gemacht hat. Schreibe dann drei Sätze über ihre Lernende: was müsste diese wissen, erkennen, erklären können, um die Aufgabe zu lösen, die deine Partnerin beschrieben hat?

  1. Die Lernende muss wissen, …
  2. Die Lernende muss erkennen, …
  3. Die Lernende muss erklären können, …

Fülle die Lücken so, wie es aus dem Absatz deiner Partnerin hervorgeht. Nicht das, was du selbst denkst, dass es sein müsste. Wo Begriffe oder Voraussetzungen im Absatz fehlen, markiere das mit einem Fragezeichen. Gib die drei Sätze an deine Partnerin zurück; sie gibt dir parallel die drei Sätze, die sie über deine Lernende geschrieben hat.

Absatz deiner Partnerin (Statistik-Modul):

Im Statistik-Modul rechnen Studierende eine einfache lineare Regression mit einem Prädiktor und einer Zielvariablen. Sie sollen die Regressionsgleichung mit den geschätzten Koeffizienten aufstellen und das Modell anhand des \(R^2\) beurteilen. Die meisten verstehen die Mechanik, scheitern aber, wenn sie die Gleichung anhand der konkreten Werte interpretieren sollen.

Drei Sätze, die du als fachfremde Leserin (z.B. Pflegelehrperson, Ingenieurin) daraufhin schreiben könntest:

  1. Die Lernende muss wissen, wie eine lineare Gleichung der Form \(y = b_0 + b_1 \cdot x\) funktioniert. (?)
  2. Die Lernende muss erkennen, welche Variable Prädiktor und welche Zielvariable ist.
  3. Die Lernende muss erklären können, was die Koeffizienten in der Gleichung konkret bedeuten.

Das Fragezeichen bei Satz 1 markiert eine Stelle, an der du aus dem Absatz allein nicht extrahieren konntest, was die Lernende konkret wissen müsste: die Regressionsgleichung wird erwähnt, aber nicht erklärt. Beim Rücktausch wird die Statistik-Lehrperson die drei Sätze ungefähr so markieren:

  • Satz 1 markiert sie vermutlich mit “ja, aber das war in meinem Absatz nicht explizit”. Sie hatte vorausgesetzt, dass die Studierenden lineare Gleichungen aus dem Vorkurs Mathematik mitbringen, und es deshalb nicht ausgesprochen. Das ist der eigentliche Diagnose-Moment: die Voraussetzung war so selbstverständlich, dass sie unsichtbar wurde.
  • Satz 2 markiert sie mit “ja, genau das meine ich auch”. Das hatte sie im Absatz so ausgesprochen.
  • Satz 3 vermutlich wieder mit “ja, aber das war in meinem Absatz nicht explizit”. Sie hat “interpretieren” gesagt, aber nicht erläutert, was die Lernende über jeden Koeffizienten konkret sagen können muss. Auch hier hatte sie die Auflösung als selbstverständlich angenommen.

Prüf-Checkliste:

Schritt 4: Lies, was deine Partnerin geschrieben hat (1 min)

Aufgabe: Markiere jeden der drei Sätze, die deine Partnerin über deine Lernende aufgeschrieben hat:

  • ja, genau das meine ich auch
  • ja, aber das war in meinem Absatz nicht explizit
  • nein, das ist nicht ganz das, was ich gemeint habe

Die mittlere Markierung ist die diagnostisch interessante: sie zeigt Stellen, an denen deine Partnerin eine richtige Voraussetzung deiner Aufgabe aus deinem Absatz herausgelesen hat, obwohl du sie dort nicht ausgesprochen hattest. Diese Stellen sind das eigentliche Ergebnis der Übung; sie bekommen in Block 1 einen Namen.

Halte die markierte Liste griffbereit.

Zur Orientierung

Die vier Phasen aus deiner Perspektive, mit den beiden Austauschen:

Phase Was du tust Was zwischen euch wandert
1 (1 min) Findest eine Partnerin aus möglichst entfernter Disziplin.
2 (4 min) Schreibst einen Absatz über deine eigene Aufgabe: was machen deine Lernenden? Nach 2 min: ihr tauscht die Absätze.
3 (4 min) Liest ihren Absatz und schreibst drei Sätze über ihre Lernende (wissen / erkennen / erklären). Nach 4 min: ihr tauscht die drei Sätze.
4 (1 min) Liest die drei Sätze, die sie über deine Lernende geschrieben hat, und markierst sie.

Deine Partnerin tut spiegelbildlich dasselbe: in Phase 2 schreibt sie über ihre Aufgabe, in Phase 3 schreibt sie drei Sätze über deine Lernende, in Phase 4 markiert sie deine drei Sätze über ihre Lernende.

Warum cross-discipline?

Eine Partnerin aus derselben Disziplin liest deinen Absatz mit denselben Voraussetzungen, die du selbst hast. Sie sieht die Lücken nicht. Eine Partnerin aus einer entfernten Disziplin sieht genau die Stellen, an denen du Begriffe verwendet hast, ohne sie zu erklären, oder Schritte angenommen hast, ohne sie zu nennen.

Cross-discipline-Lesen ist die niedrigschwelligste Form einer cognitive task analysis. Was du gerade gemacht hast, ist die Methode des Workshops in fünf Minuten: eine Aussenperspektive auf deine eigene Lehre, geschrieben in einer Form, die du danach mit dir herumtragen kannst.

Hintergrund: Was du gerade erlebt hast

Was du in diesen zehn Minuten erlebst, hat einen Namen. Den Namen bekommst du in Block 1. Was deine Partnerin beim Lesen deines Absatzes nicht ohne Weiteres rekonstruieren konnte ist das Material, mit dem der Workshop arbeitet.

Weiter: Block 1: Theorie und Beispiel

Back to top