Lernende und Lehrperson

Nachdem wir am Vormittag die kognitive Architektur des Lernens verstanden haben, geht es jetzt um die Perspektive der Lernenden: Was bringt Studierende dazu, die anstrengende kognitive Arbeit auf sich zu nehmen? Und was bedeutet das für die Rolle der Lehrperson?

Lernende und Lehrperson

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Block A: Einflüsse der Lernenden (~20 Min). Kernbotschaften:

  1. Motivation: Erfolg fördert Motivation (nicht nur umgekehrt)
  2. Selbstwirksamkeit (Bandura): Erfolgserlebnisse auf angemessenem Niveau als wichtigste Quelle
  3. Attributionstheorie (Weiner): internale, veränderliche Zuschreibungen sind lernförderlich
  4. Zielausrichtung: Leistung vs. Lernen, Annäherung vs. Vermeidung
  5. Volition: Motivation allein reicht nicht, es braucht volitionale Strategien

Aktivität: Zielausrichtung (2 Min). Individuelle Reflexion: eigene Zielausrichtungen identifizieren. Siehe Tab “Aktivitäten”.

Aktivität: Volitionsstrategien (3 Min). Paardiskussion: Welche Volitionsstrategien beobachtet ihr bei euren Lernenden oder bei euch selbst?

Block B: Einflüsse der Lehrperson (~15 Min). Kernbotschaften:

  1. Hattie: Lehrpersonen machen einen entscheidenden Unterschied
  2. Lehrqualität: Evaluation ernst nehmen, aber mit externer Beratung
  3. Beziehung: Empathie, Wärme, Non-Directivity
  4. Erwartungen: Pygmalion-Effekt, eigene Annahmen hinterfragen
  5. Professionelle Weiterbildung wirkt stärker als initiale Ausbildung

Retrieval Practice (3 Min). Konzepte ohne Folien abrufen. Wichtigste Erkenntnis (1 Min). Transferfrage für die eigene Lehrpraxis.

IndividualZielausrichtung (2 Min)

Wende das Zielausrichtungsmodell auf dich selbst an:

  • Findest du Beispiele von Zielen, bezüglich derer du eher eine leistungs- oder lernorientierte Zielausrichtung hast? Und bezüglich derer du eher eine Annäherungs- oder Vermeidungszielausrichtung hast?
  • Hat sich deine Ausrichtung bezüglich eines Ziels im Laufe der Zeit verändert?
PairVolitionsstrategien (3 Min)

Diskutiert: Welche Volitionsstrategien beobachtet ihr bei euren Lernenden oder bei euch selbst?

IndividualRetrieval Practice (3 Min)

Rufe dir, ohne in die Folien zu schauen, die Konzepte und Erkenntnisse dieses Abschnitts in Erinnerung. Welche Konzepte kannst du benennen? Welche kannst du erklären? Wo bestehen Fragen?

IndividualWichtigste Erkenntnis (1 Min)

Was ist eine wichtige Erkenntnis, die du aus diesem Abschnitt mitnimmst? Wie kannst du diese in deiner Lehrpraxis anwenden?

Glossar der zentralen Konzepte aus der Präsentation.

Motivation beschreibt, was Menschen zum Handeln bringt (Energetisierung) und worauf sie ihr Handeln richten (Richtung) (Pintrich 2003). Drei Faktoren fördern Lernmotivation besonders: die Anknüpfung an bestehende Interessen, wahrgenommene Selbstbestimmung und Lernerfolg. Dabei gilt: Erfolg fördert Motivation mindestens so sehr wie Motivation Erfolg fördert (Kirschner und Hendrick 2024; Ryan und Deci 2000).

Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) ist die Überzeugung einer Person, ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen zu können (Bandura 1977). Sie beeinflusst, ob jemand eine Aufgabe überhaupt angeht, wie viel Anstrengung investiert wird und wie lange bei Schwierigkeiten durchgehalten wird. Die wichtigste Quelle für Selbstwirksamkeit sind eigene Erfolgserlebnisse auf einem angemessenen Anforderungsniveau.

Weiners Attributionstheorie (1985) beschreibt, wie Menschen ihre Erfolge und Misserfolge erklären. Ursachen werden auf zwei Dimensionen eingeordnet: internal vs. external und stabil vs. veränderlich. Lernförderlich ist besonders die Zuschreibung auf internale, veränderliche Ursachen (Anstrengung), weil sie das Gefühl der Kontrolle stärkt. Attribution ist eine persönliche Tendenz, aber auch domänenspezifisch und formbar.

Das Modell der Zielausrichtung (Goal Orientation) (Pintrich 2003) unterscheidet zwei Dimensionen: Leistung vs. Lernen (Geht es um den Vergleich mit anderen oder um persönliches Wachstum?) und Annäherung vs. Vermeidung (Strebt man Positives an oder will man Negatives vermeiden?). Zielausrichtungen sind teilweise domänenspezifisch, formbar und können in derselben Person koexistieren. Die Zielorientierung der Lehrperson beeinflusst die der Lernenden.

Volition bezeichnet die kognitiven Prozesse, die nötig sind, um gesetzte Ziele tatsächlich umzusetzen (Achtziger und Gollwitzer 2021). Während Motivation erklärt, warum jemand ein Ziel verfolgen will, erklärt Volition, warum die Umsetzung gelingt oder scheitert. Volitionale Strategien umfassen z.B. konkrete Implementierungsplanung, soziale Verbindlichkeit, Abschirmung gegen Ablenkung und Gestaltung der Lernumgebung. Wenn Lernende trotz Motivation nicht handeln, liegt das Problem oft nicht bei der Motivation, sondern bei fehlenden volitionalen Strategien.

John Hatties Visible Learning (2009) ist eine Synthese von über 800 Metaanalysen (>10 Mio. Lernende). Die zentrale Erkenntnis: Lehrpersonen machen einen entscheidenden Unterschied, besonders wenn sie zu Lernenden ihres eigenen Unterrichts werden. Vier Faktoren mit starker Effektgrösse eröffnen konkrete Handlungsmöglichkeiten: Lehrqualität aus Sicht der Lernenden (Evaluation ernst nehmen, externe Beratung holen), Lehrperson-Lernenden-Beziehung, Erwartungen der Lehrperson (Pygmalion-Effekt) und professionelle Weiterbildung.

Die Erwartungen der Lehrperson beeinflussen den Lernerfolg unabhängig von der tatsächlichen Fähigkeit der Lernenden (Hattie 2009). Dieser Effekt wirkt sowohl auf Individuen als auch auf ganze Kohorten. Die praktische Konsequenz: eigene Annahmen regelmässig überprüfen und bereit sein, sie zu revidieren. «Be prepared to be surprised.»

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Literatur

Achtziger, Anja, und Peter M. Gollwitzer. 2021. „Volition im Dorsch Lexikon der Psychologie“. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/volition.
Bandura, Albert. 1977. „Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change.“ Psychological Review 84 (2): 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191.
Hattie, John. 2009. Visible Learning: A Synthesis of over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement. London ; New York: Routledge.
Kirschner, Paul A., und Carl Hendrick. 2024. How Learning Happens: Seminal Works in Educational Psychology and What They Mean in Practice. 2. Aufl. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003395713.
Pintrich, Paul R. 2003. „A Motivational Science Perspective on the Role of Student Motivation in Learning and Teaching Contexts.“ Journal of Educational Psychology 95 (4): 667–86. https://doi.org/10.1037/0022-0663.95.4.667.
Ryan, Richard M, und Edward L Deci. 2000. „Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being. American Psychologist.
Weiner, Bernard. 1985. „An Attributional Theory of Achievement Motivation and Emotion.

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